Wer eine eigene Ladung entwickelt, betreibt Versuchsplanung — auch wenn es sich am Ladetisch nicht so anfühlt. Und wie jede Versuchsplanung steht und fällt sie mit einer einzigen Regel: In einer Reihe wird genau eine Größe verändert. Wer sich nicht daran hält, produziert am Ende Zahlen, die nichts beweisen, und muss von vorn beginnen.
Die Ladeleiter
Die Ladeleiter ist die gebräuchlichste Form der systematischen Ladeentwicklung. Man fertigt mehrere kleine Gruppen von Patronen, die sich ausschließlich in der Pulvermenge unterscheiden, in gleichmäßigen Schritten von der Anfangsladung des Herstellers aufwärts. Alles andere bleibt konstant: dieselbe Pulversorte, dasselbe Geschoss, dieselben Hülsen aus derselben Charge mit demselben Ladezyklus, dasselbe Zündhütchen, dieselbe Setztiefe.
Anschließend wird auf der Scheibe ausgewertet — unter möglichst gleichen Bedingungen, aufgelegt, in einem Durchgang und in der Reihenfolge der Stufen. Gesucht wird der Bereich, in dem die Trefferbilder am engsten werden. Häufig zeigt sich kein einzelner Punkt, sondern eine Zone, in der mehrere benachbarte Stufen ähnlich gut liegen; dieser Bereich ist wertvoller als ein einzelner Ausreißer nach unten, weil er gegenüber kleinen Schwankungen tolerant ist.
Zwei Grenzen sind dabei nicht verhandelbar. Die Reihe beginnt bei der vom Hersteller angegebenen Anfangsladung und endet spätestens bei der Höchstladung. Und sie endet sofort, wenn Anzeichen von Überdruck auftreten — ein schwergängiger Verschluss, ein abgeflachtes oder ausgeblasenes Zündhütchen, ein Abdruck des Auswerfers im Hülsenboden. Solche Zeichen sind Abbruchkriterien, keine Diskussionsgrundlage. Wie eine Ladetabelle zu lesen ist, behandelt der Beitrag Ladedaten richtig lesen.
Die Setztiefe als zweiter Schritt
Ist der Pulverbereich gefunden, folgt der zweite Stellhebel. Die Setztiefe bestimmt, wie tief das Geschoss in der Hülse sitzt, und wirkt dadurch auf zwei Größen gleichzeitig: auf das verbleibende Volumen für die Treibladung und auf die Strecke, die das Geschoss zurücklegt, bevor es den Übergangskegel erreicht.
Vor allem die zweite Größe ist im Präzisionsschießen bedeutsam. Wie weit ein Geschoss frei fliegt, bevor es in die Züge einläuft, beeinflusst die Gleichmäßigkeit dieses Übergangs — und damit das Trefferbild. Bei Kalibern, die um lange Geschosse herum konstruiert sind, etwa der 6,5 Creedmoor, ist dieser Effekt besonders ausgeprägt.
Auch hier gilt die Ein-Parameter-Regel: Die Pulvermenge bleibt jetzt fest, verändert wird ausschließlich die Setztiefe, in kleinen, gleichmäßigen Schritten. Und es bleiben zwei harte Grenzen: Die Patrone muss in das Magazin passen, und das Geschoss darf nicht so weit vorstehen, dass es beim Laden bereits in den Zügen steckt.
Beim Messen ist Vorsicht geboten. Die Gesamtlänge über die Geschossspitze zu messen ist bei Hohlspitz- und Teilmantelgeschossen unzuverlässig, weil deren Spitzenform fertigungsbedingt streut. Wer belastbare Ergebnisse will, misst an einer definierten Fläche des zylindrischen Geschossteils.
Crimp: nur wo er gebraucht wird
Der Crimp schließt den Hülsenmund um das Geschoss und verhindert, dass es sich unter äußerer Krafteinwirkung verschiebt. Ob er gebraucht wird, entscheidet die Waffe, nicht die Gewohnheit.
Beim Revolver ist er Pflicht. Der Rückstoß der abgefeuerten Patrone wirkt auf die übrigen Patronen in der Trommel, und ein zu schwach gecrimptes Geschoss arbeitet sich heraus, bis es die Trommel blockiert. Bei schweren Geschossen wie in der .44 Magnum ist der Effekt am stärksten.
Bei Selbstladewaffen sichert er das Geschoss gegen den Aufprall beim Zuführen. Hier ist die Dosierung heikel: Randlose Pistolenhülsen liegen mit dem Hülsenmund im Patronenlager an. Ein zu kräftiger Crimp schnürt diesen Mund ein und nimmt der Patrone ihre Anlage — sie sitzt dann zu tief, und der Druckaufbau verändert sich. Gefordert ist ein gerade eben geschlossener Mund, nicht mehr.
Bei Repetierbüchsen mit Präzisionsladungen wird häufig bewusst nicht gecrimpt, weil jede zusätzliche Verformung eine zusätzliche Streuquelle ist und das Geschoss dort keiner Kraft ausgesetzt ist, die es verschieben könnte.
Eingestellt wird der Crimp getrennt von der Setztiefe — erst die Tiefe bei zurückgedrehtem Matrizenkörper, dann der Crimp. Wer beides gleichzeitig einstellt, staucht in aller Regel die Hülse; Details dazu stehen auf der Seite Presse und Matrizen.
Dokumentation
Der unspektakulärste Teil der Arbeit ist derjenige, ohne den der Rest wertlos wird. Eine gute Ladung, die nicht vollständig aufgeschrieben ist, lässt sich ein Jahr später nicht reproduzieren — und die Erinnerung daran, „ungefähr in der Mitte der Tabelle“ gelegen zu haben, hilft niemandem.
Notiert wird pro Ladung: Kaliber, Hülsenhersteller und Ladezyklus der Hülsen, Zündhütchen mit Typ und Größe, Pulversorte und -menge, Geschoss mit Hersteller, Gewicht und Bauart, Setztiefe beziehungsweise Gesamtlänge, ob und wie stark gecrimpt wurde, das Datum, die verwendete Waffe und das Ergebnis auf der Scheibe. Wer zusätzlich Wetter und Temperatur festhält, kann später erklären, warum dieselbe Ladung im Sommer anders lief als im Winter.
Diese Aufzeichnung ist zugleich die Antwort auf die Frage, warum ein und dieselbe Ladung bei zwei Schützen unterschiedlich schießt: Fast immer unterscheidet sich einer der dokumentierten Punkte — und ohne Dokumentation ist nicht herauszufinden, welcher. Der Ablauf des Wiederladens insgesamt steht im Themenfeld Wiederladen; verbindlich für alle Grenzwerte sind ausschließlich die aktuellen Ladedaten der Komponentenhersteller.