Wiederladen

Ladeleiter, Setztiefe und Crimp – eine Ladung systematisch entwickeln

Eine Testreihe ist nur so gut wie ihre Methode – und die wichtigste Regel lautet: immer nur eine Größe verändern.

Fünf Patronen in ansteigender Staffelung neben einem Messschieber

Wer eine eigene Ladung entwickelt, betreibt Versuchsplanung — auch wenn es sich am Ladetisch nicht so anfühlt. Und wie jede Versuchsplanung steht und fällt sie mit einer einzigen Regel: In einer Reihe wird genau eine Größe verändert. Wer sich nicht daran hält, produziert am Ende Zahlen, die nichts beweisen, und muss von vorn beginnen.

Die Ladeleiter

Die Ladeleiter ist die gebräuchlichste Form der systematischen Ladeentwicklung. Man fertigt mehrere kleine Gruppen von Patronen, die sich ausschließlich in der Pulvermenge unterscheiden, in gleichmäßigen Schritten von der Anfangsladung des Herstellers aufwärts. Alles andere bleibt konstant: dieselbe Pulversorte, dasselbe Geschoss, dieselben Hülsen aus derselben Charge mit demselben Ladezyklus, dasselbe Zündhütchen, dieselbe Setztiefe.

Anschließend wird auf der Scheibe ausgewertet — unter möglichst gleichen Bedingungen, aufgelegt, in einem Durchgang und in der Reihenfolge der Stufen. Gesucht wird der Bereich, in dem die Trefferbilder am engsten werden. Häufig zeigt sich kein einzelner Punkt, sondern eine Zone, in der mehrere benachbarte Stufen ähnlich gut liegen; dieser Bereich ist wertvoller als ein einzelner Ausreißer nach unten, weil er gegenüber kleinen Schwankungen tolerant ist.

Zwei Grenzen sind dabei nicht verhandelbar. Die Reihe beginnt bei der vom Hersteller angegebenen Anfangsladung und endet spätestens bei der Höchstladung. Und sie endet sofort, wenn Anzeichen von Überdruck auftreten — ein schwergängiger Verschluss, ein abgeflachtes oder ausgeblasenes Zündhütchen, ein Abdruck des Auswerfers im Hülsenboden. Solche Zeichen sind Abbruchkriterien, keine Diskussionsgrundlage. Wie eine Ladetabelle zu lesen ist, behandelt der Beitrag Ladedaten richtig lesen.

Die Setztiefe als zweiter Schritt

Ist der Pulverbereich gefunden, folgt der zweite Stellhebel. Die Setztiefe bestimmt, wie tief das Geschoss in der Hülse sitzt, und wirkt dadurch auf zwei Größen gleichzeitig: auf das verbleibende Volumen für die Treibladung und auf die Strecke, die das Geschoss zurücklegt, bevor es den Übergangskegel erreicht.

Vor allem die zweite Größe ist im Präzisionsschießen bedeutsam. Wie weit ein Geschoss frei fliegt, bevor es in die Züge einläuft, beeinflusst die Gleichmäßigkeit dieses Übergangs — und damit das Trefferbild. Bei Kalibern, die um lange Geschosse herum konstruiert sind, etwa der 6,5 Creedmoor, ist dieser Effekt besonders ausgeprägt.

Auch hier gilt die Ein-Parameter-Regel: Die Pulvermenge bleibt jetzt fest, verändert wird ausschließlich die Setztiefe, in kleinen, gleichmäßigen Schritten. Und es bleiben zwei harte Grenzen: Die Patrone muss in das Magazin passen, und das Geschoss darf nicht so weit vorstehen, dass es beim Laden bereits in den Zügen steckt.

Beim Messen ist Vorsicht geboten. Die Gesamtlänge über die Geschossspitze zu messen ist bei Hohlspitz- und Teilmantelgeschossen unzuverlässig, weil deren Spitzenform fertigungsbedingt streut. Wer belastbare Ergebnisse will, misst an einer definierten Fläche des zylindrischen Geschossteils.

Crimp: nur wo er gebraucht wird

Der Crimp schließt den Hülsenmund um das Geschoss und verhindert, dass es sich unter äußerer Krafteinwirkung verschiebt. Ob er gebraucht wird, entscheidet die Waffe, nicht die Gewohnheit.

Beim Revolver ist er Pflicht. Der Rückstoß der abgefeuerten Patrone wirkt auf die übrigen Patronen in der Trommel, und ein zu schwach gecrimptes Geschoss arbeitet sich heraus, bis es die Trommel blockiert. Bei schweren Geschossen wie in der .44 Magnum ist der Effekt am stärksten.

Bei Selbstladewaffen sichert er das Geschoss gegen den Aufprall beim Zuführen. Hier ist die Dosierung heikel: Randlose Pistolenhülsen liegen mit dem Hülsenmund im Patronenlager an. Ein zu kräftiger Crimp schnürt diesen Mund ein und nimmt der Patrone ihre Anlage — sie sitzt dann zu tief, und der Druckaufbau verändert sich. Gefordert ist ein gerade eben geschlossener Mund, nicht mehr.

Bei Repetierbüchsen mit Präzisionsladungen wird häufig bewusst nicht gecrimpt, weil jede zusätzliche Verformung eine zusätzliche Streuquelle ist und das Geschoss dort keiner Kraft ausgesetzt ist, die es verschieben könnte.

Eingestellt wird der Crimp getrennt von der Setztiefe — erst die Tiefe bei zurückgedrehtem Matrizenkörper, dann der Crimp. Wer beides gleichzeitig einstellt, staucht in aller Regel die Hülse; Details dazu stehen auf der Seite Presse und Matrizen.

Dokumentation

Der unspektakulärste Teil der Arbeit ist derjenige, ohne den der Rest wertlos wird. Eine gute Ladung, die nicht vollständig aufgeschrieben ist, lässt sich ein Jahr später nicht reproduzieren — und die Erinnerung daran, „ungefähr in der Mitte der Tabelle“ gelegen zu haben, hilft niemandem.

Notiert wird pro Ladung: Kaliber, Hülsenhersteller und Ladezyklus der Hülsen, Zündhütchen mit Typ und Größe, Pulversorte und -menge, Geschoss mit Hersteller, Gewicht und Bauart, Setztiefe beziehungsweise Gesamtlänge, ob und wie stark gecrimpt wurde, das Datum, die verwendete Waffe und das Ergebnis auf der Scheibe. Wer zusätzlich Wetter und Temperatur festhält, kann später erklären, warum dieselbe Ladung im Sommer anders lief als im Winter.

Diese Aufzeichnung ist zugleich die Antwort auf die Frage, warum ein und dieselbe Ladung bei zwei Schützen unterschiedlich schießt: Fast immer unterscheidet sich einer der dokumentierten Punkte — und ohne Dokumentation ist nicht herauszufinden, welcher. Der Ablauf des Wiederladens insgesamt steht im Themenfeld Wiederladen; verbindlich für alle Grenzwerte sind ausschließlich die aktuellen Ladedaten der Komponentenhersteller.

Häufige Fragen

Was ist eine Ladeleiter?

Eine systematische Testreihe, bei der mehrere Ladungen gefertigt werden, die sich in genau einem Parameter unterscheiden — üblicherweise in der Pulvermenge, in gleichmäßigen Schritten innerhalb des vom Hersteller angegebenen Bereichs. Jede Stufe wird auf der Scheibe ausgewertet.

Warum darf man immer nur einen Parameter verändern?

Weil sich sonst nicht zuordnen lässt, welche Änderung welche Wirkung hatte. Wer Pulvermenge und Setztiefe gleichzeitig verändert, hat am Ende ein Ergebnis und zwei mögliche Ursachen — die Reihe ist dann nicht auswertbar und die Arbeit umsonst.

Wo beginnt und wo endet eine Ladeleiter?

Sie beginnt bei der vom Hersteller angegebenen Anfangsladung und endet spätestens bei der angegebenen Höchstladung. Diese Grenzen sind keine Richtwerte, sondern Grenzen. Wer Anzeichen von Überdruck bemerkt, bricht die Reihe sofort ab, unabhängig davon, wo sie in der Tabelle steht.

Was ist die Setztiefe und warum ist sie wichtig?

Sie beschreibt, wie tief das Geschoss in der Hülse sitzt, und bestimmt damit zweierlei: das verbleibende Volumen für die Treibladung und den Weg des Geschosses bis zum Übergangskegel. Beides wirkt sich auf Druck und Präzision aus, weshalb die Setztiefe der zweite große Stellhebel nach der Pulvermenge ist.

Wann muss gecrimpt werden?

Immer dann, wenn das Geschoss durch äußere Kräfte in der Hülse wandern könnte — bei Revolverkalibern durch den Rückstoß in der Trommel, bei Selbstladewaffen durch den Aufprall beim Zuführen. Bei Präzisionsladungen für Repetierbüchsen wird oft bewusst nicht gecrimpt.

Warum sollte man jede Ladung dokumentieren?

Weil eine gefundene gute Ladung ohne vollständige Aufzeichnung nicht reproduzierbar ist. Notiert werden Kaliber, Hülsenhersteller und Ladezyklus, Zündhütchen, Pulversorte und -menge, Geschoss und Gewicht, Setztiefe, Datum, Waffe und das Ergebnis auf der Scheibe.