Treibladungspulver ist das Bauteil, das den Druckverlauf im Lauf bestimmt — und damit dasjenige, bei dem Abweichungen von der Vorgabe die größten Folgen haben. Alle anderen Komponenten lassen sich in gewissen Grenzen prüfen, messen und nachjustieren. Beim Pulver gibt es diesen Spielraum nicht: Es gilt genau die Sorte und genau die Menge, die die Ladetabelle des Herstellers für die konkrete Kombination nennt.
Die Systematik
Moderne Treibladungspulver beruhen auf Nitrocellulose. Man unterscheidet einbasige Pulver, die im Wesentlichen daraus bestehen, und mehrbasige, denen weitere energiereiche Bestandteile beigemischt sind. Mehrbasige Pulver liefern bei gleichem Volumen mehr Energie, entwickeln dabei aber auch mehr Wärme — ein Punkt, der bei hohen Schusszahlen für den Laufverschleiß relevant wird.
Die zweite Unterscheidung betrifft die Kornform. Kugelförmige Pulver rieseln gut und lassen sich volumetrisch sehr gleichmäßig dosieren, was sie für Massenladungen auf Progressivpressen beliebt macht. Zylindrische und blättchenförmige Pulver dosieren weniger fließfreudig, bieten dafür in manchen Anwendungen Vorteile beim Abbrandverhalten. Für den Wiederlader ist das vor allem eine Frage der Dosiergenauigkeit an der eigenen Ausrüstung.
Die dritte und mit Abstand wichtigste Unterscheidung ist die Abbrandgeschwindigkeit.
Warum die Abbrandgeschwindigkeit alles entscheidet
Ein Pulver muss seine Energie in dem Tempo freisetzen, das zum Kaliber passt. Bei einer Kurzwaffenpatrone wie der 9 mm Luger steht dem Geschoss nur eine kurze Laufstrecke zur Verfügung; das Pulver muss schnell arbeiten, sonst verlässt das Geschoss den Lauf, bevor die Ladung ihre Wirkung entfaltet hat. Bei einem großvolumigen Büchsenkaliber wie der .30-06 Springfield ist es umgekehrt: Dort baut ein langsam abbrennendes Pulver seinen Druck über eine lange Strecke auf und beschleunigt das Geschoss gleichmäßig.
Wird diese Zuordnung verletzt, entstehen zwei sehr unterschiedliche Fehlerbilder. Ein zu langsames Pulver in einem kurzen Lauf verbrennt unvollständig — Leistung geht verloren, und ein Teil des Pulvers verbrennt außerhalb der Mündung. Ein zu schnelles Pulver in einem großvolumigen Kaliber setzt seine Energie frei, bevor sich das Geschoss nennenswert bewegt hat, und der Druck steigt in einen Bereich, für den weder Patrone noch Waffe ausgelegt sind. Der zweite Fall ist der gefährliche.
Die Substitutionsfalle
Hersteller und Fachverlage veröffentlichen Vergleichslisten, in denen Pulver nach Abbrandgeschwindigkeit eingeordnet sind. Solche Listen sind nützlich, um ein Pulver grob einzuschätzen — und sie sind die Quelle des häufigsten schweren Fehlers beim Wiederladen.
Denn die Nachbarschaft in einer Liste bedeutet nicht, dass zwei Pulver austauschbar sind. Sie unterscheiden sich in der Schüttdichte, im Temperaturverhalten, in der Druckentwicklung über die Zeit und in der Reaktion auf die konkrete Hülsenfüllung. Zwei Pulver können in der Liste direkt nebeneinanderstehen und bei identischer Ladungsmenge deutlich verschiedene Spitzendrücke erzeugen.
Die Regel ist deshalb absolut und kennt keine Ausnahme: Es wird die Pulversorte verwendet, die in der Ladetabelle für diese Kombination aus Kaliber, Geschoss, Hülse und Zündhütchen genannt ist. Wer eine Sorte nicht bekommt, wechselt nicht das Pulver, sondern sucht eine Ladetabelle für das Pulver, das er hat. Wie eine Ladetabelle richtig gelesen wird, behandelt der Beitrag Ladedaten richtig lesen.
Dosieren und kontrollieren
Die genaueste Pulversorte nützt nichts, wenn die Menge streut. Volumetrische Dosierer arbeiten schnell, ihre Genauigkeit hängt aber von der Rieselfähigkeit des Pulvers und von einem gleichmäßigen Bedienrhythmus ab. Wer präzise arbeiten will, wiegt — mindestens stichprobenartig, bei Präzisionsladungen jede einzelne Ladung.
Der wichtigste Kontrollschritt hat mit Feinheit allerdings nichts zu tun: Vor dem Setzen des Geschosses wird jede Hülse angeschaut. Gesucht wird nicht die perfekte Füllhöhe, sondern die Ausnahme — die leere Hülse und die doppelt gefüllte. Beides passiert bei jedem, der in Serie lädt, und beides ist mit einem Blick in den Hülsenblock zu erkennen. Eine Doppelladung ist der Fehler, der Waffen zerstört, und die Sichtkontrolle ist die wirksamste Maßnahme dagegen.
Lagerung
Pulver wird trocken, kühl und temperaturstabil gelagert, ausschließlich in der Originalverpackung des Herstellers und getrennt von Zündhütchen. Die Originaldose ist kein Detail: Sie ist auf das Produkt abgestimmt und trägt die Bezeichnung, ohne die die Ladung wertlos wird. Pulver in ein unbeschriftetes Gefäß umzufüllen ist einer der Fehler, aus denen später ein nicht mehr identifizierbarer Vorrat entsteht — der dann entsorgt werden muss.
Verdorbenes Pulver kündigt sich an: durch einen stechenden, säuerlichen Geruch, durch rötlich-braunen Staub und durch verklumptes oder verfärbtes Korn. Ein solcher Vorrat wird nicht mehr verladen. Für zulässige Mengen, Aufbewahrung und Entsorgung gelten das Sprengstoff- und Waffenrecht sowie die Auskunft der zuständigen Behörde; der Ablauf des Wiederladens im Ganzen steht im Themenfeld Wiederladen.